Entscheidungstexte nº G139/2019 (G139/2019-71). VfGH. 11-12-2020

Datum der Entscheidung:2020/12/11
ZUSAMMENFASSUNG

Strafrecht, Recht auf Leben, Privat- und Familienleben, Rechtsbegriffe unbestimmte, VfGH / Indivi... (siehe vollständigen Auszug)

 
KOSTENLOSER AUSZUG
VERFASSUNGSGERICHTSHOF
Verfassungsgerichtshof
Freyung 8, A-1010 Wien
www.verfassungsgerichtshof.at
G 139/2019-71
11. Dezember 2020
IM NAMEN DER REPUBLIK!
Der Verfassungsgerichtshof hat unter dem Vorsitz des Präsidenten
DDr. Christoph GRABENWARTER,
in Anwesenheit der Vizepräsidentin
Dr. Verena MADNER
und der Mitglieder
Dr. Markus ACHATZ,
Dr. Wolfgang BRANDSTETTER,
Dr. Sieglinde GAHLEITNER,
Dr. Andreas HAUER,
Dr. Christoph HERBST,
Dr. Michael HOLOUBEK,
Dr. Helmut HÖRTENHUBER,
Dr. Claudia KAHR,
Dr. Georg LIENBACHER,
Dr. Michael RAMI,
Dr. Johannes SCHNIZER und
Dr. Ingrid SIESS-SCHERZ
als Stimmführer, im Beisein der verfassungsrechtlichen Mitarbeiterin
Dr. Josefa BREITENLECHNER, BSc
als Schriftführerin,
G 139/2019-71
11.12.2020
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über den Antrag 1. des ****************, ***********, *************,
**** ********, 2. des ***********, ***********, **** ********************,
3. des *************, **************, **** ************, sowie 4. des
*****************, ***************, **** ****, alle vertreten durch die
Zacherl Schallaböck Proksch Manak Kraft Rechtsanwälte GmbH, Teinfaltstra-
ße 8/5.01, 1010 Wien, auf Aufhebung des § 77 und § 78 StGB wegen Verfas-
sungswidrigkeit, nach der am 24. September 2020 durchgeführten öffentlichen
mündlichen Verhandlung, nach Anhörung des Vortrages des Berichterstatters
und der Ausführungen des Vertreters der Antragsteller Rechtsanwalt
Dr. Wolfram Proksch, der von den Antragstellern beigezogenen Auskunftsperso-
nen ******************** und ************, der Vertreter der Bundesregierung
Dr. Albert Posch, LL.M., Dr. Georg Kathrein, Mag. Christian Pilnacek und
Dr. Michael Kierein sowie der von der Bundesregierung beigezogenen Aus-
kunftspersonen ****************************** und ************************,
gemäß Art. 140 B-VG zu Recht erkannt und am heutigen Tage verkündet:
I. 1. Die Wortfolge "oder ihm dazu Hilfe leistet," in § 78 des Bundesgesetzes
vom 23. Jänner 1974 über die mit gerichtlicher Strafe bedrohten Handlun-
gen (Strafgesetzbuch StGB), BGBl. Nr. 60/1974, wird als verfassungswidrig
aufgehoben.
2. Die Aufhebung tritt mit Ablauf des 31. Dezember 2021 in Kraft.
3. Frühere gesetzliche Bestimmungen treten nicht wieder in Kraft.
4. Der Bundeskanzler ist zur unverzüglichen Kundmachung dieser Aussprü-
che im Bundesgesetzblatt I verpflichtet.
II. Der Antrag wird, soweit er sich auf § 77 StGB bezieht, zurückgewiesen.
III. Im Übrigen wird der Antrag abgewiesen.
IV. Der Bund (Bundesministerin für Justiz) ist schuldig, den Antragstellern
zuhanden ihrer Rechtsvertreterin die mit insgesamt € 1.809,60 bestimmten
Prozesskosten binnen 14 Tagen bei sonstiger Exekution zu ersetzen.
G 139/2019-71
11.12.2020
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Entscheidungsgründe
I. Antrag
1. Mit ihrem auf Art. 140 Abs. 1 Z 1 lit. c B-VG gestützten Antrag begehren die
Antragsteller, "der hohe Verfassungsgerichtshof möge bezüglich der angefochte-
nen Bestimmungen § 77 und § 78 StGB, BGBl Nr 60/1974, in Kraft getreten am
1. 1. 1975, idgF, ein Gesetzesprüfungsverfahren iSd §§ 62ff VerfGG einleiten,
eine mündliche Verhandlung durchführen und die Bestimmungen als verfas-
sungswidrig aufheben".
2. Unter einem beantragen die Antragsteller, "dem Bund den Prozesskostener-
satz aufzuerlegen, wobei iSd § 27 VerfGG der Zuspruch für alle regelmäßigen
Kosten zuzüglich USt begehrt wird".
II. Rechtslage
1. § 77 und § 78 des Bundesgesetzes vom 23. Jänner 1974 über die mit
gerichtlicher Strafe bedrohten Handlungen (Strafgesetzbuch StGB),
BGBl. 60/1974, lauten:
"Tötung auf Verlangen
§ 77. Wer einen anderen auf dessen ernstliches und eindringliches Verlangen
tötet, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen.
Mitwirkung am Selbstmord
§ 78. Wer einen anderen dazu verleitet, sich selbst zu töten, oder ihm dazu Hilfe
leistet, ist mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu bestrafen."
2. § 49 und § 49a des Bundesgesetzes über die Ausübung des ärztlichen Berufes
und die Standesvertretung der Ärzte (Ärztegesetz 1998 ÄrzteG 1998), BGBl. I
169/1998, idF BGBl. I 20/2019 lauten:
"Behandlung der Kranken und Betreuung der Gesunden
§ 49. (1) Ein Arzt ist verpflichtet, jeden von ihm in ärztliche Beratung oder
Behandlung übernommenen Gesunden und Kranken ohne Unterschied der
Person gewissenhaft zu betreuen. Er hat sich laufend im Rahmen anerkannter
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