Entscheidungs 12Os117/12s (12Os118/12p). OGH, 30-01-2014

Datum der Entscheidung:30. Januar 2014
 
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Kopf

Der Oberste Gerichtshof hat am 30. Jänner 2014 durch den Senatspräsidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof. Dr. Schroll als Vorsitzenden sowie durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr. T. Solé und die Hofrätinnen des Obersten Gerichtshofs Dr. Bachner-Foregger, Mag. Michel und Dr. Michel-Kwapinski als weitere Richter in Gegenwart der Richteramtsanwärterin Mag. Sattlberger als Schriftführerin in der Strafsache gegen André R***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens der Untreue nach § 153 Abs 1 und Abs 2 zweiter Fall StGB über die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten André R*****, Mag. Johann K*****, Mag. Kurt S***** und Dr. Bernhard H***** gegen das Urteil des Landesgerichts Wiener Neustadt als Schöffengericht vom 21. Juni 2011, GZ 49 Hv 69/09f-938, sowie über den Antrag des Angeklagten Mag. Kurt S***** auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand in Anwesenheit des Vertreters der Generalprokuratur, Generalanwalt Mag. Höpler, der Angeklagten und ihrer Verteidiger Dr. Sporn, Dr. Preuschl, Mag. Leitner, Dr. Kralik, Dr. Tassul, Mag. Österreicher und Dr. Isola sowie des Privatbeteiligten Rechtsanwalt Dr. Viehböck als Masseverwalter im Konkurs über das Vermögen der Li***** AG

I. den

Beschluss

gefasst:

Spruch

Dem Angeklagten Mag. Kurt S***** wird die

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand

bewilligt.

II.

zu Recht erkannt:

1. Die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten André R***** und Mag. Johann K***** werden verworfen.

2. Den Berufungen dieser Angeklagten wird dahin

Folge gegeben, dass die Freiheitsstrafe bei André R***** - unter Bedachtnahme auf das Urteil des Landesgerichts Wiener Neustadt vom 12. Mai 2006, AZ 46 Hv 9/05d - auf ein Jahr und bei Mag. Johann K***** auf 18 Monate herabgesetzt wird.

a. Bei André R***** wird die verhängte Freiheitsstrafe unter Bestimmung einer Probezeit von drei Jahren bedingt nachgesehen.

b. Ebenso wird bei Mag. Johann K***** die verhängte Freiheitsstrafe unter Bestimmung einer Probezeit von drei Jahren bedingt nachgesehen.

3. Hingegen wird in Stattgebung der Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten Mag. Kurt S***** und Dr. Bernhard H***** das Urteil in dem sie betreffenden Umfang aufgehoben und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Landesgericht Wiener Neustadt verwiesen.

4. Mit ihren Berufungen werden die Angeklagten Mag. Kurt S***** und Dr. Bernhard H***** auf die kassatorische Entscheidung verwiesen.

5. Den Berufungen der Angeklagten André R***** und Mag. Johann K***** gegen den Ausspruch über die privatrechtlichen Ansprüche wird Folge gegeben und der Privatbeteiligte auf den Zivilrechtsweg verwiesen.

6. Den Angeklagten André R***** und Mag. Johann K***** fallen die Kosten des Rechtsmittelverfahrens zur Last.

Text

Gründe:

Mit dem angefochtenen, auch unbekämpft gebliebene Freisprüche der Angeklagten André R*****, Mag. Johann K*****, Mag. Kurt S***** und Dr. Bernhard H***** sowie einen Freispruch des Angeklagten Univ.-Prof. Dr. Christian N***** von dem ihn betreffenden Anklagevorwurf enthaltenden Urteil wurden André R***** und Mag. Johann K***** des Verbrechens der Untreue nach § 153 Abs 1 und Abs 2 zweiter Fall StGB (A./I./), der Vergehen nach § 255 Abs 1 Z 1 AktG (A./IV./1./a./ und b./) und des Vergehens nach § 255 Abs 1 Z 4 AktG (A./IV./1./c./), Mag. Kurt S***** des Verbrechens der Untreue nach § 153 Abs 1 und Abs 2 zweiter Fall StGB, § 12 zweiter Fall StGB (A./II./1./) und des Vergehens nach § 255 Abs 1 Z 1 AktG (A./IV./2./) sowie Dr. Bernhard H***** des Verbrechens der Untreue nach § 153 Abs 1 und Abs 2 zweiter Fall StGB, § 12 dritter Fall StGB (A./III./) und der Vergehen nach § 255 Abs 1 Z 1 AktG, § 12 dritter Fall StGB (A./V./) schuldig erkannt.

Von den Vorwürfen des Betrugs im Zuge des Börsegangs der Li***** AG im November 1999 mit einem Emissionsvolumen von 77,56 Mio Euro und zum Nachteil der T***** AG anlässlich deren Erwerbs von Aktien der „Altaktionäre“ zu einem Kaufpreis von rund 85 Mio Euro wurden sämtliche Angeklagte im Wesentlichen mangels Schädigungsvorsatzes freigesprochen (US 7 f, 29, 32, 98 f).

Nach dem Inhalt des Schuldspruchs haben in der Zeit von Februar 1999 bis Mitte Mai 1999 in G***** und W*****

I./ André R***** und Mag. Johann K***** im bewussten und gewollten Zusammenwirken als Mittäter in ihrer Eigenschaft als Vorstände der L***** HandelsAG die ihnen durch Gesetz und Rechtsgeschäft eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen, nämlich jenes der L***** Handels AG, zu verfügen und diese zu verpflichten, wissentlich missbraucht, indem sie eine mit deren Betriebsergebnissen nicht in Einklang zu bringende und nur durch tatsachenwidrige Ausweisung eines Gewinns in der Höhe von zumindest 133.769.324,50 ATS (Gesamtgewinn 447.040.132,92 ATS) in der Bilanz 1998/99 ermöglichte Ausschüttung einer - tatsächlich eine im Ausmaß von zumindest 127.773.314,50 ATS gemäß § 52 AktG verbotene Rückgewähr von Einlagen darstellende - „Sonderdividende“ in Höhe von 440.000.000 ATS (31.976.047 Euro) an die UD-***** als Alleinaktionärin verfügten und die zur Finanzierung des tatsachenwidrigen Gewinns erforderlichen Darlehen bei der C***** und bei der P***** aufnahmen, und dadurch der L***** HandelsAG einen aus der Erhöhung der Passiva um 133.769.324,50 ATS resultierenden Vermögensnachteil in diesem Ausmaß zugefügt, wobei sie einen 50.000 Euro übersteigenden Schaden herbeiführten;

II./ Mag. Kurt S***** in seiner Eigenschaft als Aufsichtsratsvorsitzender der L***** HandelsAG André R***** und Mag. Johann K***** zur Ausführung der unter Punkt I./ beschriebenen strafbaren Handlung mit der Einschränkung, dass er von einem nicht erzielten und damit auch nicht ausschüttbaren Gewinn von zumindest 93.034.000 ATS ausging, dadurch bestimmt, „dass er die hiefür erforderlichen grundlegenden konzeptionellen gesellschaftsrechtlichen und bilanztechnischen Maßnahmen in Auftrag gab bzw auch selbst setzte sowie seine Unterstützung im Aufsichtsrat durch Erteilung der erforderlichen Genehmigungen zusicherte“;

III./ Dr. Bernhard H***** zur Ausführung der unter Punkt I./ beschriebenen strafbaren Handlungen mit der Einschränkung, dass er von einem nicht erzielten Gewinn von zumindest 111.624.896 ATS, und davon nicht ausschüttbaren Gewinn von zumindest 105.303.991,36 ATS, ausging, dadurch beigetragen, dass er als mit der Prüfung des Jahresabschlusses der L***** HandelsAG für das Jahr 1998/99 befasster Wirtschaftsprüfer durch Bestätigung eines überhöhten und überdies nicht ausschüttbaren, von ihm mitgestalteten Bilanzgewinnes den zu Punkt I./ genannten Personen die Verschleierung der Rückgewähr von Einlagen in Höhe von zumindest 105.303.991,36 ATS gemäß § 52 AktG ermöglichte;

IV./ die Verhältnisse der L***** HandelsAG durch einen auf unzutreffenden Wertansätzen im Jahresabschluss aufbauenden, um einen Betrag von zumindest 133.769.324,50 ATS überhöht ausgewiesenen Bilanzgewinn für das Geschäftsjahr 1998/99 von insgesamt 447.000.000 ATS, unrichtig wiedergegeben, und zwar

1./ André R***** und Mag. Johann K***** als Mitglieder des Vorstands der L***** HandelsAG im bewussten und gewollten Zusammenwirken als Mittäter

a./ am 21. April 1999 in G***** im „Lagebericht 1998/99 Umsatz- und Ertragsentwicklung“;

b./ am 6. Mai 1999 in W***** in dem der Hauptversammlung vorgelegten Jahresabschluss der L***** HandelsAG 1998/99;

c./ in der Zeit von März bis Mai 1999 in einem den mit der Abschlussprüfung des Jahresabschlusses der L***** HandelsAG befassten Angestellten der A***** GmbH zur Durchführung der Prüfung und Testierung vorgelegten Jahresabschluss der L***** HandelsAG für das Bilanzjahr 1998/99 und den bezughabenden Informationen und Unterlagen, somit in Auskünften, die nach § 272 HGB einem Abschlussprüfer oder den sonstigen Prüfern der Gesellschaft zu geben sind;

2./ Mag. Kurt S***** als Mitglied des Aufsichtsrats am 6. Mai 1999 in W***** in einem der Hauptversammlung vorgelegten Jahresabschluss der L***** HandelsAG 1998/99;

V./ Dr. Bernhard H***** zur Ausführung der unter Punkt IV./1./a./ bis b./ und IV./2./ beschriebenen strafbaren Handlungen beigetragen, indem er als Wirtschaftsprüfer die zur Darstellung des unrichtigen Bilanzgewinns erforderlichen Bilanzmaßnahmen abstimmte und den Bestätigungsvermerk für den unrichtigen Jahresabschluss der L***** HandelsAG für das Jahr 1998/99 erteilte.

Dagegen richten sich die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten, die von André R***** auf Z 1, 4, 5, 5a, 9 lit a, 9 lit b, 10 und 11, von Mag. Johann K***** auf Z 1, 4, 5, 5a, 9 lit a, 9 lit b und 10, von Mag. Kurt S***** auf Z 5 und 9 lit a sowie von Dr. Bernhard H***** auf Z 1, 5, 5a, 9 lit a und 9 lit b des § 281 Abs 1 StPO gestützt werden. Des weiteren liegt der Antrag auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Frist zur Ausführung der rechtzeitig angemeldeten Rechtsmittel der Nichtigkeitsbeschwerde und der Berufung des Angeklagten Mag. Kurt S***** vor.

Rechtliche Beurteilung

Zum Wiedereinsetzungsantrag des Angeklagten Mag. Kurt S*****:

Der Wiedereinsetzungswerber bringt vor, dass bei der beabsichtigten (rechtzeitigen) Einbringung seiner Nichtigkeitsbeschwerde im Wege des WEB-ERV von einer Kanzleikraft seines Verteidigers versehentlich und erstmals eine falsche, nämlich das Rechtsmittel nicht enthaltende pdf-Datei übermittelt wurde und bescheinigt dies mit deren beigelegter Erklärung.

Gemäß § 364 Abs 1 StPO ist dem Angeklagten die

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Frist zur Ausführung eines Rechtsmittels zu bewilligen, wenn er nachzuweisen vermag, dass ihm die Einhaltung der Frist durch unabwendbare Umstände ohne sein oder seines Vertreters Verschulden unmöglich war, bzw ihm oder seinem Vertreter insoweit bloß ein Versehen minderen Grades zur Last zu legen ist.

Ausgehend vom Vorbringen im Wiedereinsetzungsantrag, an dessen Richtigkeit zu zweifeln kein Grund besteht, war der fristgerecht beantragte Rechtsbehelf zu bewilligen, weil das dargestellte Kanzleiversehen der unterbliebenen Einbringung der Rechtsmittelausführung die...

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